| Meine Sprache ist das Schmieden |
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Zweihundert Jahre alt ist
das Hammerwerk in Mühlehorn am Walensee, jung dagegen der Schmied der
hier werkt. Christian Zimmermanns Spezialität ist das
Freiformschmieden, eine kreative Weiterenwicklung des traditionellen
Handwerks.
Wasser, Luft, Feuer, Erde. Die vier Elemente sind der Rohstoff des Schmieds. Rhythmisch fällt der zentnerschwere Hammer auf das rotglühende Eisen, Wasserkraft treibt ihn an, der Schmied dreht und wendet das Werkstück, jeder Schlag verändert die Form und steigert die Temperatur. Flammen lodern auf, Funken spritzen wie Feuerwerk, schwarz blättert Oxyd von der Oberfläche des Metalls. Unerbittlich schlägt der Hammer den Takt. Die Bewegungen des Schmieds gleichen einem Tanz, sein Körper fängt die Schläge auf, der Kopf wippt auf und nieder, gefährlich nahe am Hammer, der Boden zittert, archaischer Technosound erfüllt die Werkstatt. Dann ein rascher Hebelzug, plötzlich stoppt die Urgewalt, Stille. Jetzt trägt er das Eisenstück zum Amboss bei der Esse, formt mit gezielten Hammerschlägen eine blattförmige Spitze, hell singt das Metall. Dann schiebt er es in die Esse, scharrt glühende Steinkohle darüber. Christian Zimmermann rückt die Lederkappe zurecht, zündet sich eine Zigarette an. Die Spannung weicht aus seinem Gesicht. «Schmieden ist Gefühlssache. Du musst den Rhythmus in dich einsaugen, dann umsetzen am Hammer.» Da spricht einer mit Begeisterung, mit Passion. Dem Eisen entwinde er seine Seele, schreibt er in einem Text, die Umsetzung von Idee in Materie erfolge spontan, intuitiv. «Freiformschmieden» nennt sich das, sein Vorbild ist Albert Paley, ein Amerikaner. Er hat ihn an den internationalen Schmiedekonferenzen kennengelernt, die er regelmässig besucht. Mehrere hundert Schmiede treffen sich da, arbeiten zusammen und tauschen Erfahrungen aus. Der Schmied als Philosoph Christian Zimmermann stammt aus dem Süddeutschen, sein Vater war Schmied und wollte nicht, dass der Sohn das Handwerk fortführe. Er tat es trotzdem. Und fand nach Berufsausbildung und Praxis im väterlichen Betrieb den Weg nach Mühlehorn, still und schattig am steilen Südufer des Walensees gelegen, zwischen Eisenbahn und Autobahn und doch abgelegen. Der Meerenbach mündet in den Walensee, bildet ein kleines Delta, hier war einst Sprachgrenze zwischen Germanen und Romanen, hier siedelten die Menschen erst im späten Mittelalter, Schiffer, Holzfäller, Fischer, Müller. Der See, der Bach und der Wald gaben Arbeit, der Schmied verfertigte die Werkzeuge und beschlug die Pferde. «Stechschaufeln, Eisenweggen, Jauchekarren-Achsen, Hufeisen, Heumesser, Rundhäuslerzappi», die Preisliste aus dem Jahr 1918 hängt noch immer an der Wand, im «Schäfli» in Gams hatten die Schmiede zwischen Bodensee und Walensee die Preise kartelliert. Fridolin Egger, der das Hammerwerk im Jahr 1901 erworben hatte, war dabei, und er schmiedete nach Wunsch und Vorschrift bis ins Jahr 1954, hegte daneben noch eine Herde Ziegen. Sein Bild hängt an der Wand. Der junge Schmied, Auslandschweizer, kennt die Tradition und schätzt sie. «Was ist ein Runhäuslerzappi?» Er greift sich ein Werkzeug von der Wand, erklärt. «Ein Zappi brauchte man zum Wenden von Baumstämmen, beim Holzen und Flössen. Der Stiel steckt im sogenannten Haus, das flach sein kann oder rund.» Christian Zimmermann will nicht bloss Künstler sein, der Skulpturen und Kunsthandwerk und Schmuck schmiedet, ebenso liegen ihm Gegenstände des Alltags am Herzen: Gitter, Tore, Grabzeichen. Er zeigt Fotos: Formvollendete, kunstvolle Konstruktionen, harmonisch in die Umgebung gefügt, in eine alte Mauer oder vor ein modernes Einfamiliehaus. «Die Gestaltung ist nicht nur Dekor, sie trägt den Nutzen in sich.» Der Schmied als Philosoph. Die Tür der Werkstatt steht allen offen. Auf Wunsch macht er Führungen, führt ein in Geschichte und Grundlagen seines elementaren Berufs, führt vor. Dabei schmiedet er immer dieselbe Form, an der sich die typischen Arbeitsgänge zeigen lassen, dreissig Stück lehnen an einer Wand. Zuviele Führungen verträgt der Betrieb aber nicht, «ich will nicht zum Museumswärter werden». Wasser, Feuer, Erde und Luft Das Ritual einer Besichtigung beginnt im Freien: Er dreht das Wasser an, das in bemoosten Röhren vom Berg kommt, dann in plötzlichem Schwall auf das oberschlächtige Wasserrad stürzt. Das trieb einst nicht nur die Hämmer, sondern auch den mannshohen Schleifstein. Auf der Welle drehen sich drinnen in der Schmiede drei Nockenräder, jedes treibt einen Hammer. Der schwerste wiegt hundert Kilo, zwei sind leichter, schlagen jedoch mit unterschiedlichem Rhythmus. Es folgt die Zeremonie des Feuermachens in der Esse, Luft fährt in die Kohle, Funken stieben, weisser Rauch kriecht in den Abzug. Der mächtige Blasebalg, aus Leder gefertigt, ist nicht mehr im Betrieb. Das wichtigste Element des Schmieds ist die Erde, das Erz. Früher zerklopften Hammerwerke die Erkzlumpen, nach dem Schmelzen wurden die Verunreinigungen ausgetrieben, der Stahl durch das Hämmern vergütet. Etwa 1500 Hammerwerke gab vor ein- bis zweihundert Jahren nördlich der Alpen, die Hämmer wogen bis zu drei Tonnen. «Das Mühlehorner Werk ist die älteste Schmiede der Schweiz, die noch in Betrieb ist», sagt Christian Zimmermann. Vor den wassergetriebenen Hämmern hatte er anfangs grossen Respekt. Für feinere Arbeiten hat er seine eigenen Lufthammer installiert. Nach der Stillegung erwarb der Glarner Heimatschutz das Hammerwerk, das alte Handwerk sollte nicht bloss konserviert und ausgestellt, sondern am Leben erhalten werden. Urs Lachenmeier, der erste Schmied, blieb über zwanzig Jahre. Im Winter litt er zunehmend, wenn Schatten des Bergs aufs Gemüt drücken. «Die romantische Schmiede wird zum selbstgewählten feucht-kalten Verlies», klagte er in einer Broschüre zum zwanzigsten Jubiläum der Stiftung, der die Schmiede heute gehört. Verdichten und dichten Christian Zimmermann strahlt dagegen noch Optimismus aus. Trotzdem: «Der Anfang war hart und schwer.» Nicht nur die Arbeit am Eisen, das unter seinen Händen fast beliebige Formen gewinnt, hart ist der Markt. Im Dorf hat er jedoch gute Aufnahme und Unterstützung gefunden. «Jetzt merke ich, es zieht an.» Der Rundgang endet im Ausstellungsraum über der Schmiedewerkstatt. Dort hängen auch Bilder, die seine Frau gemalt hat. Die Farben kontrastieren zu den stacheligen Eisenskulpturen, den bizarren Formen, den rustikal geschmiedeten Oberflächen. Er breitet Schmuck aus auf einem Samttuch, wenige Gramm schwere filigran gearbeitete Nadeln und Broschen, fast unglaublich, dass sie aus derselben Hand stammen wie die schweren Skulpturen. An manchen Schmuckstücken hat er glattpolierte Flächen in der Flamme in blauen und gelben Farbtönen angelassen, so dass sie wie Edelsteine wirken. Christian Zimmermanns Gestaltungsmöglichkeiten sind weit, am liebsten entwickelt er ein Werk mit den Kunden gemeinsam, ein Schmuckstück, ein Gartentor, eine Skulptur schmiedet er individuell auf den Charakter des Menschen. Für sich selber hat er zur Hochzeit eine Brosche gefertigt, «Pegaso», das Dichterross aus der griechischen Mythologie. Das Eisen gewinnt unter seinem Hammer die Leichtigkeit von Flügeln, er verdichtet es, er dichtet. «Meine Sprache ist das Schmieden», sagt er. |