| Neue Züricher Zeitung, 31. Mai 2000 |
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Wofür der Schmied Zangen hat In einer Schmiede am Walensee trainieren Führungscrews ihr Teamwork. Der Ort scheint wie gemacht für den kreativen Rückzug: Wer der Zürcher Industriezone den Rückengekehrt, sich durch das Nadelöhr am Walenseeufer gezwängt und die Dorfstrasse von Mühlehornerklommen hat, steht unweigerlich vor der Werkstatt des Schmieds. Eine kleine Gedenktafel schafft denersten Link zum aussterbenden Handwerk: «Gebaut 1760, letzter Hammerschmied Fridolin Etter (1953),renoviert 1965/66.» Heute ist Christian Zimmermann der Herr im Haus. Der gelernte Kunsthandwerkerversammelt regelmässig Kaderleute um den Amboss, schiebt einen elf Kilogramm schweren Eisenbarren indie Glut und erklärt die Prämissen seiner Arbeit. Zum Beispiel: Man muss das Eisen im richtigen Moment amrichtigen Ort erhitzen. Und man muss es schmieden, solange es heiss ist. Der Mehrwert zum «Bastelkurs»Detailliertere Lernziele braucht Zimmermann nicht zu definieren. Bei ein paar hundert Grad Celsius legt erden glühenden Barren unter den Hammer und überlässt das Gesetz des Handelns den Bankdirektoren,Managern aus der Versicherungsbranche und Regierungsmitgliedern. Er erklärt ihnen den Vorgang desLochens, Spaltens, Biegens und Drehens und fragt die werkende Runde von Zeit zu Zeit, welcheästhetischen Effekte sie sich erhoffe vom laufenden Arbeitsgang. Damit löst er animierte und manchmal auchhitzige Diskussionen aus, die jeweils pünktlich zum Seminarende beigelegt sind - in Anbetracht eines fertigausgearbeiteten Standbilds für das Büro, das Foyer oder die Cafeteria.Kurt Knobel, verantwortlich für die Führungsausbildung der Zürcher Kantonalbank, sitzt auf dem mächtigenSparren des Wasserhammers und begutachtet die Szenerie mit gelöstem Gesichtsausdruck. «Alle sindimmer irgendwie am Ball gewesen», stellt er hinterher fest. Die ZKB veranstaltet wie vieleDienstleistungsunternehmen regelmässig «Leadership-Trainings» und «Teamentwicklungs-Klausuren». DieUnternehmensführung gehorcht damit dem betriebswirtschaftlichen Imperativ, der in einer Zeit sichwandelnder Organisationsstrukturen ein immer besser harmonierendes Teamwork verlangt. SozialesAnalphabetentum kann sich heute kein Betrieb mehr leisten, und beim Schmieden ergibt sich dieMöglichkeit, das Nötige auf schon fast archaische Weise mit dem Nützlichen zu verbinden. Denn daseiserne Endprodukt stellt in vielen Unternehmen einen Wert für sich dar; nicht selten bewahrt es seineintegrative Ausstrahlung über den Seminartag hinaus. Christian Zimmerman empfing schon zerstritteneGruppen, in denen nur schon die Diskussion über den Standort des späteren Kunstwerks eine positiveDynamik in Gang setzte.Dieser materielle und künstlerische Mehrwert sichert Zimmermanns Schmiede-Nachmittagen im Angebotder Team-Seminare eine Sonderstellung. «Das Team-Schmieden ist kein Bastelkurs unter dem Mantel desSchmiedens», sagt der Meister. Er verkaufe in seiner Schmiede neben einem Gruppenerlebnis auch «einenSchaffensprozess und schliesslich ein dekoratives Produkt». Alles zusammen ist deutlich mehr, als dasSchmiedehandwerk ursprünglich umfasste. Gerne besinnt sich Zimmermann auf die Wurzeln seines Berufsund erzählt im Atelier die Geschichte von Hephaistos, dem Götterschmied, von seiner List und seiner Machtüber die Liebesgöttin Aphrodite. Die Realität des postmodernen Zeitalters präsentiert sich hingegen wenigerromantisch. Nur auf Auftragsarbeiten und den Verkauf eigener Kunstwerke lässt sich die Existenz alsSchmied heute kaum noch gründen.
Crossover zu beiderseitigem Nutzen Neue Zürcher Zeitung, 31. Mai 2000 |